Der Alltag als Product Owner ist ein Balanceakt: Bei der Entwicklung von Softwareprodukten müssen Sie einerseits die Aufgaben und Abläufe der Nutzer im Blick behalten, dürfen andererseits wirtschaftliche Aspekte nicht aus den Augen verlieren. Dabei gilt es, komplexe Anforderungen zu übersetzen, Entscheidungen zu priorisieren und gleichzeitig das Entwicklerteam effizient zu steuern. Und das oft unter starkem Zeit- und Budgetdruck.
Unter diesem Druck bleibt oft wenig Zeit, um sich intensiv mit der User Experience zu befassen. Häufig wird UX erst am Ende des Entwicklungsprozesses berücksichtigt, und somit auf hübsch gestaltete Buttons und schicke Oberflächen reduziert. UX ist jedoch weit mehr als User Interface Design (UI): Sie ist der innere Kompass eines Produkts. Sie zeigt, was Nutzer wirklich wollen, welche Aufgaben sie erledigen wollen – und welche Hürden ihnen dabei im Weg stehen.
So eingesetzt, bringen UX-Methoden Struktur in den Prozess, helfen bei der Priorisierung von Aufgaben und schaffen eine gemeinsame Auffassung der Aufgaben im Team. Wer UX fest in den agilen Prozess integriert, denkt nicht nur nutzerzentriert, sondern arbeitet auch effizienter, spart Ressourcen und bringt schneller Produkte auf den Markt, die Menschen gerne nutzen.
Klarheit statt Bauchgefühl – warum sich die Investition in UX lohnt
Viele Software-Unternehmen zögern, wenn es um eine umfassende Integration von User Experience geht – aus Sorge vor zusätzlichen Kosten, Zeitaufwand und unklarem Nutzen. Tatsächlich bedeutet eine nutzerzentrierte Entwicklung zunächst ein Investment: Nutzer müssen akquiriert, befragt und die Ergebnisse ausgewertet werden. Auch während der Entwicklung selbst erfordert UX Zeit: Iteratives Testen, Feedback einholen, Anpassungen vornehmen – all das bindet Ressourcen.
Ein weiterer häufiger Vorbehalt: Wenn alle Nutzerbedürfnisse berücksichtigt werden sollen, wird die Anwendung zwangsläufig komplexer. Die Sorge ist, dass UX zu steigenden technischen Anforderungen führt. Die Praxis zeigt jedoch das Gegenteil: Ein klarer Fokus auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer reduziert die Komplexität deutlich. Denn gute UX hilft dabei, Funktionen gezielt auszuwählen – und eben nicht alles technisch Mögliche auch umzusetzen. UX schafft also nicht nur bessere Nutzererlebnisse, sondern kann sogar technische Aufwände reduzieren, denn weniger ist oft mehr.
Unsere Erfahrung zeigt: Wer UX konsequent integriert, arbeitet effizienter, reduziert Nachbesserungen und senkt langfristig die Kosten, während die Produktqualität gleichzeitig steigt.
Ein Beispiel:
In einem unserer Projekte¹ ließ sich die Bearbeitungszeit von Kundenanfragen durch eine verbesserte UX um durchschnittlich 1,5 Stunden pro Fall senken. Auch der System Usability Score (SUS), ein international anerkannter Standard zur Messung der Benutzerfreundlichkeit² von Systemen, Anwendungen oder Websites, lag bei einem Wert von 86,9. Bereits ab 80,3 gilt eine Anwendung als „exzellent“ (Note A ).
Für Unternehmen bedeutet dies konkret: UX-Design verbessert die Effizienz und Benutzerfreundlichkeit erheblich. Mitarbeitende können Aufgaben schneller und mit weniger Aufwand erledigen, was zu Zeit- und Kosteneinsparungen, höherer Produktivität und zufriedeneren Teams führt.
Unternehmen, wie z.B. zahlreiche Start-ups, die UX fest in ihre Angebote und Prozesse verankern, schaffen nachhaltigen Wert für ihre User. Hier die Vorteile auf einen Blick:
-
Gezieltere Produktentwicklung: UX hilft dabei, frühzeitig zu erkennen, ob eine Funktion wirklich benötigt wird oder nur eine technische Spielerei ist. Das führt zu deutlichen Einsparungen bei Zeit und Budget.
-
Weniger unerwartete Änderungen: Klare Nutzeranforderungen reduzieren spätere Anpassungen und machen zukünftige Patches und Updates planbarer.
-
Effizientere Zusammenarbeit im Team: Product Owner und Projektmanager können Anforderungen und Erwartungen leichter an das Entwicklerteam kommunizieren. Das minimiert Missverständnisse und beschleunigt den Entwicklungsprozess.
-
Marktvorteil und erfolgreicher Vertrieb: Eine positive Nutzererfahrung führt zu höheren Abschlussraten, da die Käufer den Nutzen der Anwendung sofort erkennen. Zudem steigen die Empfehlungsraten.
-
Reduzierte Support- und Schulungskosten: Intuitive Anwendungen benötigen weniger Schulung und verursachen weniger Support-Anfragen – ein großer Vorteil für das Software-Unternehmen, aber auch für die Anwender, die schneller und problemfreier arbeiten können.
UX-Design in Scrum-Prozesse integrieren
UX-Design und Scrum sind zwei Prozesse mit einem gemeinsamen Ziel: ein Softwareprodukt, das von Usern gerne und erfolgreich genutzt wird. Scrum ist in der Softwareentwicklung weit verbreitet. Dennoch treten in der Praxis das User-Experience-Design und der Scrum-Prozess bisher meist nur nebeneinander auf und haben wenige Berührungspunkte.
Die daraus entstehenden Missverständnisse und Redundanzen lassen sich vermeiden, wenn beide Prozesse eng verzahnt werden. Bereits in der vorbereitenden Phase, dem sogenannten „Sprint 0“, lassen sich erste konzeptionelle Methoden des UX-Designs, wie etwa User Research, Persona-Erstellung und das Erarbeiten von Anforderungen in Form von User Storys, gut integrieren.
Auf dieser Basis kann ein für alle verständliches Product Backlog erarbeitet werden, was auch dem Product Owner die Aufwandseinschätzung erheblich erleichtert. Im weiteren Verlauf helfen Prototypen dabei, in den Sprints frühzeitig Nutzertests durchzuführen sowie Anwendungsfälle und Interaktionen zu diskutieren. So können schnell Anpassungen im Entwicklungsprozess vorgenommen werden.
UX-Methoden unterstützen in jeder Phase der Entwicklung
- Nutzerforschung und Anforderungsanalyse: Zu Beginn eines Projekts sollten Nutzerbedürfnisse durch Interviews, Umfragen oder Beobachtungen ermittelt werden. So entstehen realistische Personas mit konkreten Aufgaben, die zur grundlegenden Orientierung dienen.
- Wireframing und Prototyping: Vor der eigentlichen Entwicklung helfen Wireframes und Prototypen dabei, erste Konzepte schnell zu visualisieren und zu testen. Diese können in Tools wie Figma, Adobe XD oder Axure erstellt werden.
- Usability-Tests: Regelmäßige Tests mit echten Nutzern helfen dabei, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen. Dabei sollte das Feedback in kurzen Iterationen in das Produkt einfließen.
- Kontinuierliches Nutzer-Feedback einholen: Nach dem Release sollten Nutzer regelmäßig befragt werden, um Optimierungspotenzial zu identifizieren. An dieser Stelle können A/B-Tests und Heatmaps dabei helfen, das Nutzerverhalten besser zu verstehen.
UX to go?
User-Experience-Designer benötigen ein spezifisches Skill-Set, angesiedelt zwischen psychologischem Einfühlungsvermögen und strukturellem Prozessdesign. Sie müssen sowohl Gestaltungsprinzipien als auch inhaltliche Datenmodelle kennen und verstehen. Und sie müssen ein Gespür für technische Komplexität entwickeln, um nahtlos mit dem Entwicklerteam zusammenzuarbeiten. UX-Designer unterstützen auch den Product Owner, indem sie die Akzeptanzkriterien von User Storys überprüfen und so zur Qualität und Konsistenz der Anforderungen beitragen.
Daher ist es zwingend nötig, dieses Wissen in alle Stufen des Entwicklungsprozesses einzubinden. Ein regelmäßiger, strukturierter Austausch zwischen Entwicklern und UX-Designern bei Sprint Plannings, Dailys und Reviews ermöglicht es beiden Seiten, frühzeitig zu klären, ob das entwickelte UX-Design mit vertretbarem Aufwand umsetzbar ist. Gleichzeitig erhalten die Entwickler die Gelegenheit, ihre eigenen Ideen und Perspektiven in den Designprozess einzubringen.
Fehlende Inhouse-Expertise kann durch eine Kooperation mit spezialisierten UX-Anbietern ausgeglichen werden. Diese sind es in der Regel gewohnt, eng mit den Entwicklerteams zusammenzuarbeiten und tragen zudem wertvolles Know-how in das Software-Unternehmen. Ein Nebeneffekt zum Wissenstransfer, ist der Wandel von einer technisch geprägten Unternehmenskultur hin zu mehr Kundenorientierung. Dieser Effekt lässt sich durch UX-Trainings und UX-Schulungen, die zum besseren Verständnis und zur Motivation der Mitarbeitenden wesentlich beitragen, noch verstärken. Das gemeinsame Verständnis und der Perspektivwechsel transformieren das Unternehmen und machen es fit für die Zukunft.
Software-Entwicklung auf neuem Niveau
KI trägt heute bereits vielfach zur Vereinfachung der Software-Entwicklung bei, aber sie scheitert noch bei einigen wesentlichen Erfolgskriterien: dem Verständnis menschlichen - zum Teil unlogischen - Verhaltens, sowie der Vorhersage von Wünschen und Ängsten, die aus einem sozialen Umfeld entspringen.
Neben einem positiven Nutzungserlebnis, das auf nachvollziehbarer Nutzerführung, der Minimierung von Bedienproblemen und einer verbesserten Fehlertoleranz beruht, kann UX-Design neue Ansätze für die Produktentwicklung hervorbringen und das Innovationspotenzial des Software-Unternehmens deutlich steigern. So lassen sich abseits der üblichen Funktionen Alleinstellungsmerkmale finden, die sich vom Wettbewerb abheben und eine bessere Positionierung im Marktumfeld begünstigen.
Denn wer seine Nutzer versteht, kann auch besser verkaufen. Informationen zu den echten Bedürfnissen und Herausforderungen der Kunden helfen nicht nur bei der Softwareentwicklung, sondern auch bei der Verkaufsargumentation. Bei Markteinführungen oder der Erschließung neuer Kundengruppen hilft das Zielgruppenverständnis besser und verständlicher zu kommunizieren und die richtigen Botschaften in den Vordergrund zu stellen.
Fazit: UX – der rote Faden in der Produktentwicklung
Für Product Owner bedeutet UX nicht mehr Arbeit, sondern mehr Wirksamkeit: bessere Entscheidungen, weniger Irrwege und ein erfolgreiches Produkt. Wer UX frühzeitig einbindet, schafft Struktur, spart Ressourcen und entwickelt Anwendungen, die nicht nur genutzt, sondern auch langfristig geschätzt werden. Die Integration von UX in den Entwicklungsprozess wirkt gleich zweifach:
-
Sie stärkt die Zusammenarbeit im Team und macht Entwicklungen planbarer, da sie Klarheit über Anforderungen, Prioritäten und Umsetzungsmöglichkeiten schafft.
-
Und sie liefert messbare Ergebnisse im Hinblick auf eine schnellere Umsetzung, bessere Nutzungswerte und einen geringen Aufwand im Betrieb der Anwendung.
Für Software-Entwickler heißt das: UX ist ein strategischer Vorteil, da Produktqualität, Markterfolg und Kundenbindung deutlich verbessert werden.
Neugierig geworden?
Vertiefen können Sie dieses Wissen auf unserer UX-Landingpage.
Dort bekommen Sie noch mehr Infos darüber, wie Sie mit exzellenter UX Zeit, Frust und Kosten sparen können. Unter anderem finden Sie hier ein kurzes Video-Interview, ein kostenfreies UX-Playbook zum Download mit einem kompaktem Überblick über wirkungsvolle UX-Methoden sowie Best Practices und eine Case Study, die zeigt, wie UX im Entwicklungsprozess wirklich greift. Viel Spaß beim Entdecken!
Quellen
¹ https://www.diefirma.de/en/projects/psi-metals-ux-research